Sonntag, 20 Mai 2018
 


 

 
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Beyreut hat nicht nur die Richard-Wagner-Festspiele der Schwestern, sondern auch darüber hinaus ein reges Musikkulturleben. Davon berichtet regelmäßig der Bayreuther Redakteur Dr. Frank Piontek. im Folgenden berichtet er in "Der Opernfreund" über Hans von Kössler.


Die schöne Musik eines Unzeitgemäßen
Uraufführung des 3. Streichquartetts von Hans von Koessler


„Mit heiterer Gelassenheit und ohne jede Verlegenheit musste ich feststellen, dass ich als Komponist eben zu spät auf die Welt gekommen bin. Das Komponieren ließ ich aber deswegen doch nicht sein.“

Ein Zeugnis eben dieses unzeitgemäßen Komponierens konnten die zahlreichen Besucher der Vernissage im Alten Schulhaus von Waldeck erleben, wo das Hans-von-Koessler-Jahr mit einer späten Uraufführung zu Ende ging. Was für Leipzig Wagner, ist für Waldeck Koessler – ein Meister, der vor 160 Jahren zufällig hier geboren wurde und in die Welt hinaus ging, um dort berühmt zu werden. Zumindest in Ungarn kennt und schätzt man ihn noch, weil seine Lehre – über seine berühmten Schüler Kalman, Bartok und Kodaly hinaus – bis heute fortwirkt: den ehemaligen, langjährigen Professor für Komposition an der Budapester Musikakademie, der einst ein Franz Liszt vorstand. Dass Koessler, der übrigens ein Vetter Max Regers war, inzwischen auch in Waldeck, um Waldeck herum, ja sogar weit oben im Norden Deutschlands nicht mehr unbekannt ist, ist vor allem dem örtlichen Heimat- und Kulturverein zu danken – und dem ungemein rührigen spiritus rector, Josef Brunner, der, kurz vor Toresschluss, während der Vernissage der Koessler-Ausstellung ein bis dato nur als Manuskript überliefertes Werk zum Klingen bringen ließ. Auch in Bayreuth konnte man in diesem Jahr Werke des honorigen Meisters hören, als der Bayreuther Chor „Cantabile“ einige Sätze Koesslers in die Stadt brachte (und vom harmonischen Reichtum dieser Musik nichts als bereichert wurde, wie die Chorleiterin Nicola Rupprecht bemerkte).

In Waldeck spielte nun das Streichquartett der Familie Hubert – sozusagen der Kern der Bayreuther „Sinfonietta“ - das dritte Streichquartett in f-Moll, das Brunner zusammen mit Nicola Rupprecht aus dem Manuskript in der Berliner Staatsbibliothek transkribiert und herausgegeben hat. Wann wird schon einmal das Streichquartett eines zu Unrecht vergessenen Komponisten dieses handwerklichen Ranges, der unmittelbar mit weltberühmten Komponisten verbunden ist, in der Anwesenheit eines Landrats, eines Kreisbezirksrats, eines Bürgermeisters und eines Kreisheimatpflegers uraufgeführt? Man ist ehrlich – und bewegt: zwar könne er (sagt Wolfgang Lippert, der Landrat von Tirschenreuth), mit klassischer Musik wenig anfangen – aber diese Musik habe auch ihn in den Bann gezogen. Kein Wunder: die Huberts spielen, mit größtem Nachdruck, einen nuancenreichen Satz, der wie ein Trauermarsch beginnt, sich in süßer Lyrik ergießt, um schließlich in energisch vorwärts treibendem Sechsachtelrhythmus den Hörer zu packen. Selbst ein zarter Anklang an das Siegfried-Idyll fehlt nicht. Wann wurde diese Musik geschrieben? Das sagt sich nicht; sie hätte vom Traditionalisten 1880 wie 1920 geschrieben sein können. Allein: Ist die Frage angesichts der Qualität dieser Musik wichtig?

Ist Waldeck, dieser kleine Ort, nicht „Provinz“? An Tagen wie dieser wird der abwertende Begriff ad absurdum geführt. Es gibt keine Provinz - höchstens im Kopf.

Der Musikfreund hofft zuletzt, dass das Koessler-Jahr nur der Anstoß für viele weitere Koessler-Aufführungen war. Er und seine Zuhörer hätten es verdient.

(Frank Piontek)


Kössler Geburtshaus in Waldeck

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